Inge-Rita-30-Jahre-Disharmonie-Schweinfurt
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Licht am Schweinfurter Kulturhimmel: Inge und Rita feierten „30 Jahre Disharmonie-Verein“

Kommt die „Kultursau“ ins Kasino? Das Ziel ist die Million: Geburtstagsfeier „30 Jahre Disharmonie“ im Rathaus.

„Ich bin nur ein Double“, gesteht ein Künstler, der Georg Koeniger vom „Totalen Bamberger Cabaret“ TBC verblüffend ähnlich sieht. Ansonsten sind die über 200 Gäste, die sich zur Geburtstagsparty in der Rathausdiele eingefunden haben, echt. „30 Jahre Verein zur Förderung von Bildung und Kultur“ wird gefeiert. Den Namen kennt in Schweinfurt kaum jemand, die dahinterstehende „Disharmonie“ ist fast deutschlandweit ein Begriff, und am Main Kunst auch gegen den Mainstream noch möglich.

Der Tod von Kabarett-Übervater und Querkopf Dieter Hildebrandt am gleichen Tag wirkt da fast wie eine Mahnung. Ansonsten hat sich ein „Who’s who“ der Schweinfurter Kulturszene versammelt, darunter Ex-Oberbürgermeister Kurt Petzold als Förderer der ersten Stunde. Am Anfang habe es große Vorbehalte gegen die „linke Parzelle“ gegeben, meint Peter Hub zur Eröffnung, „da gehen wir nicht hin, da verkehren die Schwulen“, spöttelt der Literat.

Das Herz auf der Zunge haben auch „Inge & Rita“, alias Angelika Scheidig und Bettina Hümmer-Dünninger: Was schenkt man einen gereiften Kulturverein, fragen sich die Kabarettistinnen, die „Kultursau“ als Logo in den Hand. Schwimmflügeli mit dem Stadtwappen vielleicht, „damit sie sich weiterhin über Wasser halten können?“ Rote Sitzkisseli? Ein Umzug ins ehemalige Kasino der Amerikaner, das wär’s, mutmaßen die Damen: Vielleicht kommt es ja mal, ein „soziokulturelles Zentrum für Schweinfurt“. Einstweilen muss sich Gerhard Feigl als Vorstandsmitglied mit einem Blumentopf begnügen. Jürgen Dahlke, der seit 25 Jahren die „Kultursau“, unterstützt von Ehrenamtlichen, pflegt, erntet Standing Ovations als „menschgewordene Disharmonie“. Oberbürgermeister Sebastian Remelé begrüßt die durchweg männlichen Vorstandsmitglieder stichelnd als „liebe Freunde der Frauenquote“: In Zeiten der Schreinerei habe er eine sehr persönliche Beziehung zur Disharmonie gehabt, da sei viel debattiert worden – er wisse nicht, warum er später doch bei der „Jungen Union“ gelandet sei. Das Verhältnis sei herzlicher, als es von den Medien dargestellt werde, so Remelé. In Sachen Finanzierung war der OB zurückhaltend, betonte die Notwendigkeit von Ausgewogenheit.

„25- bis 30 000 Besucher im Jahr“ rechnete Frank Kewes vor, mit Engin Secgin einer der „Jungen“ im Vorstand. 250 Veranstaltungen gibt es – vom Poetry Slam über Let’s Dance, Konzerte, Jazzival und Comedy Lounge bis zu Theater und Kabarett, mit 47 Sponsoren und Außenstellen in Rügheim, der Rafelder Kulturhalle, auf dem Volksfest und im Stadttheater. „Das heißt, in den letzten 30 Jahren haben wir 750 000 Besucher gehabt“, rechnete Kewes vor. Ziel bis 2023: die Millionenmarke knacken.

Gerhard Feigl blickte zurück in die Geschichte: 1983 wurde der Verein unter Norbert Lenhard gegründet, als „Kleinkunst“-Alternative zur etablierten Bürgerkultur, mit Sitz in der Alten Schreinerei Weidinger. 1988 ging es an die Gutermann-Promenade – mit Greenpeace, „Café International“ und Schwulen-Initiative unter einem Dach. Bald blühte die Kunstszene mit Namen wie Klaus Doldinger, Siggi Zimmerschied oder Erwin Pelzig, dazu „Eigengewächsen“ wie Michael Wollny (heute gefeierter Jazz-Pianist). Es folgte ein Café, heute zusammen mit der Lebenshilfe, ein Wintergarten, zuletzt die Mainbühne.

Mahnende Worte fand Bernd Lemmerich: „Wenn man Gefahr läuft, zu lange in der Mehrheit herumzuschwimmen, verlernt man das Schwimmen, und ersäuft irgendwann.“ Man dürfe das „Dis“ im Namen nicht vergessen. Bei der „Grundstruktur“, die von Profis gemacht werde, komme der Verein an die Grenzen: „Wir brauchen junge Leute“, auch Frauen dürften sich für die Vorstandsarbeit melden. Es folgen Grußworte der Wegbegleiter: Percussionistin Petra Eisend lädt am 3. Dezember in die Kulturwerkstatt ein, zum Benefizkonzert für die Philippinen. „Das bessere Programm als die CSU hat die Disharmonie auf jeden Fall“, lobt Heidi Friedrich, Mäc Härder spielt per Jonglage-Ball Happy Birthday, die Comedians Andy Sauerwein, Florian Hoffmann und Georg Koeniger rühmen eine Kleinkunstbühne der Superlative. Dass hier aber immer auch Weichen für die nächste Generation gestellt werden, beweist der Konzertteil mit einem jungen Jazzquartett: Saxophonist Anton Mangold, Ben Kirschnick am Flügel, Jonas Hermes (Baß) sowie Schlagzeuger Michael „Fossi“ Höfner.

Auszug des Presseartikels mit freundlicher Unterstützung der Mainpost Kommt die „Kultursau“ ins Kasino? vom 11. November 2013

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