Inge & Rita: „Was nicht fertig ist, bleibt liegen“

Alles bestens? Inge und Rita rotierten zum Auftakt der Frauenwochen im Hamsterrad des Perfektionismus. Foto: Uwe Eichler @ Mainpost

Webervögel-Damen sollen beim Nestbau überaus kritisch sein. Am 14. März dreht sich eine Führung im Naturkundlichen Museum um Frauenrechte und Emanzipation in der Vogelwelt: nur eine von mehr als 24 Veranstaltungen der „Schweinfurter Frauenwochen“, die in den Räumen der OBA in der Oberen Straße eröffnet wurden. Bis zum 23.März geht es um Unternehmen in Frauenhand, ums Frauenbild im Fasching, Geschlechterrollen und einiges mehr.

Seit 1919 Wahlrecht für Frauen.

Heide Wunder übernahm als Gleichstellungsbeauftragte der Stadt den Startschuss, vor nicht allein weiblichem Publikum. Bevor Inge und Rita sich kabarettistisch dem Perfektionswahn widmeten, mit dem ausverkauften Stück „tausendmal perfekter als du„.

Wunder erinnerte zum Auftakt an Marie Juchacz, die als erste Abgeordnete in der Weimarer Nationalversammlung sprach, am 19. Februar 1919, über etwas „Selbstverständliches“: das Frauenwahlrecht. Heide Wunder erinnerte daran, dass Teilhabe an klassischen Männerdomänen immer noch nicht selbstverständlich ist. Hundert Jahre später seien Frauen in Land- wie Bundestag weiterhin in der Minderheit.

Auch bei der OBA geht es um gelebte Teilhabe. Heilpädagogin Angelika Scheidig alias Inge ist Leiterin der Theatergruppe der Offenen Behindertenarbeit. Zusammen mit Rita (Bettina Hümmer-Dünninger) hat sich Inge ganz real viel Arbeit aufgehalst. Wegen der großen Nachfrage trat das Duo zweimal hintereinander auf, am 22. Mai gibt es einen Zusatztermin in der Disharmonie. Sie sind halt Perfektionistinnen, die fränkischen Vollblutschauspielerinnen, deren Zweifrau-Komödie ein bisschen an „Dinner for one“ erinnert. Beim Versuch, das perfekte Familienfest zu organisieren (und sich dabei möglichst gegenseitig zu übertreffen), reibt sich das Duo komplett auf. Auch Männer verfallen gerne mal dem Vervollkommnungswahn. Aber Frauen sind dabei zu „Multitasking“ fähig: also gleich mehrfach perfektionistisch.

Der Teufel steckt schon beim Servietten-Origami und Gläser-Feng Shui im Detail: „Achten Sie bei der Tischdeckenbreite auf die GSG, die größtmögliche Schulterbreite der Gäste.“ Wer Blumenschmuck korrekt arrangieren möchte, braucht dazu ein Botanikstudium. Entscheidend ist die Sitzordnung. Heidi Klum dürfte ja auch nie neben Alice Schwarzer sitzen. Dann die ewige Frage: Was anziehen? Die Kleider im Schrank buhlen um die Gunst der Gastgeberinnen. Nur leider passt die Kostümgröße nicht mehr ganz. Also schnell eine Diät. Gutes Stichwort: Was servieren, wenn die Verwandtschaft an Allergien, Lactoseintoleranz oder veganer Lebensweise leidet? Shrimps? „Was der Bauer ned kennt!“

Beide sind in ihrem Hamsterrad auf dem besten Weg zum Harakiri, etwa beim feucht Auswischen der Steckdosen. Die Fliesen werden mit der Elektro-Zahnbürste feinpoliert. Auch ohne Stromstoß lautet die Diagnose „Burnout“. Die Hektikerinnen landen auf Kur, und drehen bei Schattenboxen, Aquajogging, Lach-Yoga und Psychotherapie erst so richtig auf.

Nur ganz langsam lernen die beiden, „Nein“ zu sagen. Nicht reflexhaft alles aufzuheben, was ihnen das Leben so vor die Füße wirft. Familie, Beruf, Schönheit, Selbstoptimierung, Kümmerer-Syndrom? „Perfektionismus ist der Zwilling des Fanatismus“ erkennen Inge und Rita, in einem turbulent gespielten, slapstickhaften Lehrstück „tausendmal perfekter als du„.

Die Moral von der Geschicht? „Immer ruhig und gediegen, was nicht fertig ist, bleibt liegen.“ Perfekt sind nur Momente, nicht die Menschen.

Quelle: Mainpost

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