Landmadla Landgeschichten – Raus aus dem Perfektionsmodus!

Landmadla Landgeschichten – Raus aus dem Perfektionsmodus!

Die Frauenbewegung und Alice Schwarzer sind schon lange her. Aber sind Frauen heutzutage wirklich frei und emanzipiert? Nein, behaupten Angelika Scheidig und Bettina Hümmer-Dünninger, alias Inge und Rita, mit ihrem Theaterstück „Tausendmal perfekter als du“. Wie die beiden Mittelfränkinnen darauf kommen sind und wie der Perfektionismus Frau heutzutage im Griff hat, haben sie LANDmadla im Interview erzählt.

Woher nehmt ihr die Ideen für eure Stücke?

Bettina: Aus unserem eigenen Leben. Was den Perfektionismus betrifft, haben wir irgendwann festgestellt, dass in unserer Gesellschaft immer mehr perfekt sein muss. Das Aussehen, in der Küche, bei der Kindererziehung, im Beruf – es wird einfach immer mehr optimiert. Das Thema hat uns irgendwann so beschäftigt, dass wir angefangen haben, zu improvisieren. Und es gibt eine Fülle von Formen des Perfekt-Sein-Wollens, die sich schön in einem Theaterstück umsetzen lassen.

Angelika: Natürlich spielt auch das eigene Interesse mit rein. Das war auch beim Thema Perfektionismus so. Alice Schwarzer und die Frauenbewegung sind zwar schon lange her, aber sind wir eigentlich wirklich frei und emanzipiert? Der Mann putzt zwar, nimmt den Staubsauger in die Hand und kocht, das war früher nicht so, aber freier sind wir dadurch auch nicht wirklich geworden. Die Situation hat sich nur verlagert. Heute sind wir in einem Perfektions- und Effizienzmodus gefangen. Wir wollen alles immer noch besser, eben tausendmal perfekter, als die andere machen. Aber das funktioniert nicht.

Wie genau seid ihr auf „Tausendmal perfekter als du“ gekommen?

Angelika:Tausendmal perfekter als du“ ist heute ein Abendprogramm mit einer Pause und zwei Mal 45 Minuten. Ursprünglich, als wir das Stück entwickelt haben, war es mal für eine halbe Stunde konzipiert. Den Auftrag dazu haben wir von Gleichstellungsbeauftragten aus Schweinfurt und Würzburg bekommen, die Frauen dazu ermutigen wollten, sich wählen zu lassen. Denn zu der Zeit standen gerade Kommunalwahlen an.

Bettina: Einfache Vorträge wollte das Landratsamt aber nicht. Also war die Idee, Veranstaltungsreihen zu organisieren und als Aufhänger Inge und Rita kommen zu lassen, die in einer halbstündigen Einlage die Frauen auf lustige Weise dazu auffordern: Frauen geht nicht zum Laugenstangen schmieren in die Wahlveranstaltung, sondern geht doch nach vorne. Ihr müsst dabei auch nicht perfekt sein. Ja, so sind wir überhaupt dazugekommen das Stück zu entwickeln. Und dann hatten wir einfach Lust weiterzumachen und haben es zusammen mit unserer Regisseurin erweitert.

Landmadla Landgeschichten – Raus aus dem Perfektionsmodus!

Worum geht es in dem Stück?

Bettina: In dem Stück spielen wir zwei Freundinnen, Inge und Rita, die immer alles perfekt machen wollen. Anhand der Organisation einer  Familienfeier treiben wir den Perfektionismus auf die Spitze. Das fängt damit an, dass wir erst mal eine Schulung machen, wie man die perfekte Familienfeier ausrichtet. Als nächstes geht es um den perfekten Termin, für den wir uns, um es allen recht zu machen, fast zu Tode telefonieren. Dann beschäftigen wir uns mit dem perfekten Menü – was, wenn man Veganer, Vegetarier und Menschen mit Lactose- oder Glutenunverträglichkeiten unter einen Hut bekommen will, ein Ding der Unmöglichkeit ist und uns fast verzweifeln lässt. Doch damit nicht genug: Im Zuge der Planung setzen wir uns auch mit der perfekten Sitzordnung auseinander. Denn man kann ja nicht jeden neben jeden setzen. Einen Hardcore-Fußballfan neben eine Frau zu setzen, die esoterisch angehaucht ist, geht einfach nicht. Ja und dann machen sich Inge und Rita natürlich auch Gedanken um die perfekte Tischdekoration.

Angelika: In unserem Perfektionswahn, in dem wir alles noch perfekter als die andere machen wollen, werden wir irgendwann so wütend und aggressiv, dass wir gegeneinander kämpfen und zum Schluss mit Burnout auf Kur müssen. Dort kommen wir dann zu der Erkenntnis, dass wir selbst aktiv werden müssen, wenn wir etwas verändern wollen. Also denken wir uns die verschiedensten Dinge aus.  Wir entwickeln zum Beispiel eine sogenannte „Lass Fünf gerade sein“-App, die Alarm schlägt, wenn wir wieder zu perfekt sein wollen. Das ist auch eine Spezialität von Inge und Rita: Immer wieder Lösungen zu finden, auch wenn diese manchmal etwas schräg sind.

Was wollt ihr mit dem Stück erreichen?

Bettina: Dass die Zuschauer darüber nachdenken, was man in seinem eigenen Leben zu perfekt und viel zu viel macht. Dabei wollen wir aber auf keinen Fall mit dem Zeigefinger, der belehrt, auf sie zeigen. Denn auch wir sind alles andere als perfekt darin. Wir wissen beide, was wir manchmal viel zu viel und zu perfekt machen wollen.

Angelika: Als ich mit dem Theater spielen angefangen habe, stand die Message für mich klar im Vordergrund. Jetzt ist es für mich wichtig, mich selber mit meiner eigenen Unzulänglichkeit einzubringen. Das bekommt das Publikum auch mit. Inge und Rita stehen eben nicht über ihnen, sondern fallen im Laufe des Stücks immer wieder in alte Verhaltensmuster zurück.

Was sagen eure Zuschauer, wenn ihr ihnen so den Spiegel vorhaltet?

Bettina: Die Rückmeldungen sind immer schön. Natürlich wird viel gelacht, aber die Leute denken auch über sich selbst und ihr eigenes Verhalten nach.

Angelika: Es wird nach dem Stück definitiv immer viel reflektiert im Publikum. Dabei bekommen wir oft zu hören ‚Genauso ist es‘.

Beherzigt ihr das, was ihr dem Publikum in eurem Stück vor Augen führt selbst? Oder hat euch das Perfektionsmonster fest im Griff?

Bettina: Ja, aber es ist schwer (lacht). Es wurde aber auf jeden Fall schon besser, weil man mehr reflektiert. Alleine durch die Erarbeitung des Stückes liest man viel über die Thematik. Dadurch wird einem das eigene Verhalten mehr bewusst. Aber es ist trotzdem ganz schwer, es anders zu machen.

Angelika: Ich reflektiere auf jeden Fall mehr, bin aber alles andere als perfekt. Wobei es Unterschiede gibt. Es gibt Dinge, bei denen es mir leichter fällt, loszulassen. Und dann gibt es wieder Dinge, die mir persönlich auch schon immer wichtig waren, bei denen es mir schwerer fällt.  Zum Beispiel wenn es um das Thema Auto geht. Dass mein Auto perfekt ist, war mir persönlich noch nie wichtig. Diesbezüglich fällt es mir also leichter, nicht perfekt zu sein und es vielleicht noch ein bisschen unperfekter zu lassen.

Das Interview erschien in der Aprilausgabe 2018 von LANDmadla Landgeschichten – herzlichen Dank ♥

Hier gibt es weitere Infos zum Stück Tausendmal perfekter als du.

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